Der Alarm geht um 19.05 Uhr bei der Kantonspolizei Nidwalden ein: Zugsunglück im Tunnel Engelberg. «Wir hören Schreie, es gibt Verletzte. Kommt schnell!» Aufgrund dieser Meldung eines Fahrgasts bietet die Polizei sofort Feuerwehr und Rettungsdienst auf. Die rund 40 Einsatzkräfte wissen zu diesem Zeitpunkt nicht, ob im Zug ein Feuer ausgebrochen ist, wie viele Personen sich darin befinden und wo genau der Zug steht. Auch bei den Menschen im Zug herrscht Ungewissheit: Wann kommt Hilfe? Wie werden wir gerettet? Im «entgleisten» Zug ist es stockdunkel. Jede Minute des Wartens fühlt sich an wie eine Stunde.

Einsatzfähigkeit stärken

Das alles passiert an diesem Freitagabend. Doch: Die Verletzungen sind geschminkt, Ohnmacht und Panik im Zug sind gespielt, als Blut dient rot gefärbtes Wasser. Die Rettungskräfte verhalten sich aber genauso, wie sie es im Ernstfall tun würden. Auch der Schweiss vom Fussmarsch durch den ansteigenden Tunnel ist echt. Die Rettungsübung dient dazu, die Sicherheit und Einsatzfähigkeit aller Beteiligten unter realistischen Bedingungen zu stärken, sagt Peter Furrer, Leiter Betrieb bei der Zentralbahn: «Solche Rettungsübungen sind für die Sicherheit der Fahrgäste sowie der Einsatzfähigkeit der Rettungskräfte von zentraler Bedeutung. Im Ernstfall muss jeder Handgriff sitzen.» Ein Schwerpunkt dieser Rettungsübung lag auf der Infrastrukturfreigabe: Es wird überprüft, ob die Einsatzkräfte die sichere Durchführung von Erdungs- und Schalthandlungen durchführen können, da sie die grundlegende Voraussetzung für jeden Einsatz im Gleis- und Fahrleitungsbereich sind. Ein weiteres Ziel bestand darin, die sichere und rasche Rettung beziehungsweise Evakuierung aller Fahrgäste im Tunnel unter realitätsnahen Bedingungen zu üben. «Hier herrschen spezielle Bedingungen. Es ist dunkel und eng, was die Sicht einschränkt und die Materiallogistik anspruchsvoll macht», erklärt Peter Furrer. Da in der Übung ein unbegleiteter Zug mit einem bewusstlosen Lokführer simuliert wurde, lag der Fokus insbesondere auf dem Zusammenspiel zwischen Zentralbahn, Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst.  

Wer braucht noch Blut?

Das Szenario dieser Übung: Im Tunnel Engelberg ist ein Zug bei der Weiche Fangboden entgleist und der Tunnelwand entlang geschrammt. Mehrere Personen sind verletzt. Während sich die Rettungskräfte auf der Anfahrt zur Unfallstelle organisieren und vor dem Tunnelportal Grafenort ihr Dispositiv aufbauen, erhalten die rund 50 Figuranten – so werden die mitspielenden Fahrgäste genannt – im Zug die letzten Anweisungen. Die Stimmung ist gut, auch bei den rund 20 Jugendlichen und Lehrpersonen der Schule Oberdorf. «Wer braucht noch Blut?», ruft ein Helfer. Edi aus Stans spielt einen Skifahrer, dessen Hand bei der Entgleisung vom Skistock durchbohrt worden ist. Die 12-jährige Elly tut so, als wäre sie eingeklemmt (auf einem alten Gartenstuhl, den die Feuerwehr später mit der Rettungsschere durchtrennt). Zur Sicherheit erhalten alle Figuranten ein STOP-Schild. Damit könnten sie den Rettungskräften jederzeit signalisieren, dass sie sich tatsächlich unwohlfühlen und nicht mehr schauspielern. Einige aktivieren die Taschenlampe an ihrem Handy, damit die Finsternis erträglich ist – und das Warten.

Bergung mit Tunnelblitz

19.38 Uhr. Der Streckenabschnitt ist geerdet, die Notbeleuchtung an der Tunnelwand geht an. Noch wenige Minuten bis zum Eintreffen der ersten Einsatzkräfte. «Einsatzleitung von Front: Wir sind 850 Meter im Tunnel. Kein Sichtkontakt». Beim nächsten Funkspruch ist der Zug sichtbar: «Der Zug steht bei 1050 Metern im Tunnel. Negativ. Kein Feuer, kein Rauch, keine Personen sichtbar.» Im Innern des Zugs beginnt das Schauspiel. Die Rettungskräfte werden mit Schreien und Hilferufen empfangen. In weiss-grüner Weste und mit kräftiger, aber beruhigender Stimme erklärt der leitende Rettungssanitäter den Fahrgästen: «Wer selbst gehen kann, unverletzt ist oder keine starken Schmerzen hat, wird von der Feuerwehr aus dem Tunnel begleitet. Das Gepäck bleibt hier.» Die Rettungskräfte verschaffen sich so rasch wie möglich einen Überblick und beginnen mit der Triage der Fahrgäste. Ruhig, klar, menschlich. «Hallo, ich bin Sämi vom Rettungsdienst. Wie heisst du?» Je schwerer die Verletzungen, desto schneller werden die Figuranten aus dem Tunnel gerettet. Alle erhalten ein Armband mit einer Farbe. Die «Roten» haben höchste Priorität. Dazu gehört auch Edi aus Stans mit durchbohrter Hand. Er wird erstversorgt und anschliessend mit dem Rettungsbrett aus dem Zug getragen. Hinter dem Zug wartet der «Tunnelblitz»: Ein spezielles Fahrzeug zur Rettung von Verletzten, das auf die Schiene aufgegleist werden kann. Damit können pro Fahrt drei Personen liegend aus dem Tunnel transportiert werden. Um 20.25 Uhr gleitet der Tunnelblitz ein erstes Mal mit drei «Roten» hinunter Richtung Grafenort.  

Eine coole Erfahrung

Knapp 20 Minuten dauert es, bis der Tunnelblitz zurück bei der Unfallstelle ist. Bis dahin gehen Feuerwehrleute und Sanitäter im Zug auf und ab. Sie sprechen mit den Verletzten, beruhigen, fühlen den Puls, hören zu. Ihre Präsenz lässt spüren: Wir sind für euch da. Um 20.50 Uhr fährt der Tunnelblitz mit zwei «Gelben» und einem «Weissen» ins Tal. Sie sind nicht lebensbedrohlich verletzt, können aber nicht selbst gehen. Mit der dritten Fahrt um 21.11 Uhr sind alle Verletzten gerettet, im Tunnel beginnen die Aufräumarbeiten. Kurz vor 22 Uhr trifft der Zug (nein, er schrammte nie der Tunnelwand entlang) wieder beim Tunnelportal Grafenort ein, wo alle Figuranten zusteigen – unverletzte und scheinverletzte. Die Oberstufenschülerinnen Milena und Shayenne fanden die Übung «eine coole Erfahrung» und sehr interessant. «Wir haben erlebt, wie es im Ernstfall laufen würde und gleichzeitig gelernt, wie man sich verhalten müsste.» Auch Edi – mittlerweile ohne Skistock im Handrücken – ist begeistert: «Die Betreuung war sehr gut. Die Rettungskräfte haben immer erklärt, was sie machen und wie es weitergeht.»

Positives Fazit

Aus Sicht der Feuerwehr war die Übung ein voller Erfolg und ein wertvoller Beitrag zur gemeinsamen Einsatzvorbereitung aller beteiligten Organisationen, sagt Oberleutnant Melinda Steiner, Ausbildungsverantwortliche bei der Feuerwehr Stans: «Die Rettungsübung konnte durch die eingesetzten Kräfte erfolgreich bewältigt werden. Besonders hervorzuheben sind die gute Kommunikation sowie die strukturierte Zusammenarbeit aller beteiligten Organisationen. Die Einsatzleitung erkannte die wesentlichen Punkte der Lage rasch und zog daraus die richtigen Schlüsse für das weitere Vorgehen. Auch die Zusammenarbeit mit der Zentralbahn, dem Rettungsdienst und der Polizei verlief jederzeit einwandfrei und trug massgeblich zum erfolgreichen Ablauf der Übung bei.» Auch Peter Furrer von der Zentralbahn zieht ein positives Fazit: «Die Übung hat gezeigt, dass die definierten Prozesse funktionieren und das Zusammenspiel zwischen den einzelnen Disziplinen schnell, zielgerichtet und handlungsorientiert erfolgten. Dieses Ergebnis freut uns sehr. Gleichzeitig erkannten wir einzelne Verbesserungspotenziale, deren Umsetzung nun eingeleitet wird, was ebenfalls ein zentraler Zweck solcher Übungen ist.»  

Die Zentralbahn dankt allen Einsatzkräften von Feuerwehr, Polizei und Sanität sowie den Figuranten und eigenen Mitarbeitenden. Gemeinsam haben sie diese wichtige Übung in einem möglichst realitätsnahen Umfeld ermöglicht und mit grossem Engagement bewältigt haben.  

Ganz allgemein geht ein besonderer Dank an alle Beteiligten, die jederzeit einsatzbereit sind und im Ereignisfall rasch Verantwortung übernehmen.