Gofri Brienz

Der Blick könnte berauschend wirken. Bei den Reb­stöcken im Gofri – so der Flurname – öffnet sich eine Welt des Unerwarteten. Die Szenerie mit dem Brienzersee, den imposanten Hörnern ennet dem See und den knorrigen Rebstöcken bildet eine Atmosphäre, die ihres­ gleichen sucht. Noch vor einigen Jahren weideten Schafe, wo heute Trauben gezogen werden. Stimmen von Menschen haben das Blöken der Schafe ersetzt. Genossenschafterinnen und ­-schafter ha­ben das Zepter übernommen und bringen den Rebberg an ih­ren monatlich stattfindenden Arbeitstagen voran.

 Ein Gemeinschaftsprojekt

«Ein spannendes Gemeinschaftsprojekt ist entstanden», so der Präsident der Genossenschaft, Gerhard Fuchs. Sein Hän­dedruck bei der Begrüssung ist kräftig, seine Stimme leiden­schaftlich. «Rebmeister Werner Grossmann hatte die Idee vor einigen Jahren, seine Schafweide in einen Rebberg zu wandeln. Es zeigte sich, dass die Voraussetzungen ideal sind: Südost-­Hanglage, optimale Thermik dank Seenähe, den kal­ten Winden vom Brünig abgekehrt, steiniger und karger Bo­den, der die Rebstöcke stark fordert. Nach einigen Jahren mit einer losen Zusammenarbeit unter Kollegen mussten wir Genossenschaft war die Lösung für uns.» Grossmann war es auch, der seine 26 Aren vom Gofri ein­brachte. Die Nachbarn wurden informiert. Eine davon – Bea­trice Mardon­ Eggler – war so begeistert von seinem Ansin­nen, dass sie ihre rund 70 Aren vom Chummelen für die Aufzucht weiterer Rebstöcke zur Verfügung stellte. Die Um­zonung in den Rebkataster und die Baubewilligung für die Terrassierung folgten 2017, anschliessend wurden die ersten Traubenstöcke gepflanzt. Nach einer Vollmondnacht im Oktober 2020 fand die erste «Triiblete» der dreijährigen Divico­Traubenstöcke statt. Es wurden knapp 200 Kilogramm Trauben mit 90 Öchslegrad geerntet. Ihren beiden Zielen, qualitativ hochstehende Weine zu produzieren und den Rebbau in der Gemeinde zu fördern, kamen die 70 Genossenschafterinnen und Genossenschafter näher. Heute entwickeln sich in der einzigartigen Hanglage 550 Divico­ und 550 Sauvignac­Rebstöcke.

 Bodenständigkeit

Werner Grossmann hat mit seiner bodenständigen, natur­nahen und behutsamen Art Zeichen gesetzt: Mit den Steinen, die immer wieder zum Vorschein kommen, werden Trocken­mauern gebaut, Milane und Mäusebussarde sind für den niedrigen Mäusebestand verantwortlich, und die Pflanzen zwischen und rund um die Reben lassen sie versamen. Selte­ne Kräuter werden in der Steinspirale gezogen und bilden die Grundlage zur Symbiose von Wein und Speise. Die Hobbygruppe vereint viele Fähigkeiten und Erfahrun­gen. «Wir haben Gärtnerinnen, Zimmermänner, Maurer, Lehrerinnen und Bürolisten an Bord. Auch wenn uns allen die Ausbildung zum Winzer fehlt, bringen wir mit viel Intui­tion und einer professionellen Einrichtung unser Projekt zum Blühen.»

Ottiger Kastanienbaum

Intuition und Bauchgefühl spielen auch bei Kevin Studer und Denis Koch vom Weinbau Ottiger in Kastanienbaum mit. Sie haben das Unternehmen Anfang 2022 von ihrem Vorgänger Toni Ottiger übernommen. Die beiden sitzen auf der Veranda und blicken mit wachen Augen über das weite Becken des Vierwaldstättersees. «Mir ist wichtig, dass es in die Richtung geht, wie wir sie angedacht haben», so Studer. Der Jungunternehmer mit Herzblut hat sehr konkrete Vor­stellungen, wie das hügelige Gebiet zwischen Weiermatt und Spissen weiterentwickelt werden soll. Vieles angedacht und Hunderte von Gedanken im Kopf durchgespielt haben die beiden. Nach Lehren als Gärtner be­ziehungsweise als Koch bildeten sie sich beide auf dem Weingut in Kastanienbaum zum Winzer aus, durchliefen verschiedene Keller und Weingüter, bevor sie sich kennen­lernten und erste Gedanken zu einer möglichen gemein­samen Übernahme schmiedeten.

Sofort dabei

Studer – mit einer weiteren Ausbildung zum Weinbautechni­ker im Sack – kam mit vielen Erfahrungen und Wissen aus dem Ausland zurück. «Ich war für den Aussenbetrieb und für den Keller zuständig; eines Tages kam ich ins Gespräch mit Toni Ottiger, unserem Vorgänger.» Ottiger, der den Be­trieb altershalber weitergeben wollte, suchte eine Nachfolge. «Du musst mich nur einmal fragen, ob ich diesen Betrieb übernehmen würde – ich würde es sofort tun», so die damali­ge Aussage von Winzer und Weinbautechniker Studer. Er merkte, dass er einen starken Partner an seiner Seite brauch­te, sowohl ideell als auch finanziell. Mit Denis Koch fand er einen Kompagnon. «Das Bauchgefühl war immer gut, wir diskutierten über die langfristigen gegenseitigen Bedingun­gen und konnten uns gut einigen», so der Mitunternehmer. Auch wenn sich das tatkräftige Führungsduo des etablierten Namens, der Qualität und der Produkte bewusst ist, ergänzt es sein bestehendes Sortiment mit einer neuen Weinstilistik: Naturweine – Weine ohne Zusätze und ohne aufwendige önologische Verfahren. Im Sinne von «Gesunde Traube, Gärung, Abfüllung in die Flasche» besinnen sie sich zurück auf die ursprüngliche Herangehensweise, wie man jahrhun­dertelang Weine produzierte. «Die Vorgehensweise ist wie früher, jedoch kontrolliert. Dazumal wusste man nicht, was vor sich geht. Heute können wir den Prozess mit natürlichen Mitteln lenken.»

Die grosse Abwechslung in ihrem Beruf schätzen sie einer­seits, anderseits fordert sie auch heraus. «Die Arbeit auf dem Feld und im Keller, die Vinifizierung, der Kundenkontakt und der Verkauf sind unsere Tätigkeitsfelder. Von einer zur anderen Arbeit zu wechseln und sich wieder in diese hinein­zudenken, ist fordernd und zugleich interessant», findet Koch. Studer ergänzt: «Im Herbst, wenn du siehst, dass alles überstanden ist und wir mit schönen Früchten eine coole Sa­che machen konnten, dann ist die Erleichterung riesig.»

Tellen Landenberg

Die abwechslungsreiche Arbeit als Winzer schätzt auch Peter Krummenacher. Für den gelernten Land­wirt und promovierten Juristen war immer klar, dass er Weinmacher werden will. «Bereits in jungen Jahren über­nahm ich den elterlichen Bauernbetrieb mit Kühen und Schweinen, holte die Matura nach und studierte parallel zur Arbeit auf dem Hof Rechtswissenschaften. In dieser Zeit setzte ich die ersten Rebstöcke. Die Tierhaltung gaben wir in der Folge auf. Reben und Weine waren bereits lange vor un­serer Zeit hier heimisch, davon zeugen Flurnamen wie Wii­bärgli und Rebstock. An diese Tradition knüpfen wir nun seit mehr als 20 Jahren an.» Vor gut einem Jahr hat er die Juris­terei an den Nagel gehängt und konzentriert sich auf die Weinproduktion. «Wir haben nun eine Betriebsgrösse er­reicht, dass wir davon leben können», sagt er und blickt verschmitzt durch seine filigrane «Chugelibrille». Seiner Aussage, ihm gefalle das Weinmachen, darf man Glauben schenken. Für ihn ist es nun der Haupterwerb. Zusammen mit seiner Frau Karin Dähler bewirtschaftet er die Reben. Gleichzeitig widmet sie sich beruflich als Bewegungsthera­peutin dem achtsamen Umgang mit dem Körper.

Man braucht ein «Gspiiri»

Peter Krummenacher ist unkonventionell unterwegs. Diver­se Kurse absolvierte er im Weinbauzentrum Wädenswil. Ihm sind jedoch ein gutes «Gspiiri» und das Learning by Doing ebenso wichtig wie das Gelernte. «Der Erfahrungs­austausch mit anderen Berufsleuten ist förderlich, wir fragen uns gegenseitig und entwickeln uns weiter.» Dass er ein gu­tes Gespür hat, zeigt sich unter anderem an Auszeichnungen wie beispielsweise «Bester Zentralschweizer Wein 2021 – Regent Barrique 2018». «Der Wein entsteht eigentlich im Rebberg. Du brauchst reife, gesunde Trauben. Sind diese wichtigsten Voraussetzungen gegeben, müssen im Grunde nur die önologischen Prozesse im Keller von der Gärung bis zur Abfüllung sorgfältig begleitet werden. So lässt sich die grosse Handarbeit in Erfolg ummünzen.» Neben den Rebstöcken im Tellen lässt Peter Krummenacher auch auf dem Landenberg in Sarnen und rund um die Sarner Kirche Trauben wachsen. Dass Krummenacher ein tüchtiger Weinmacher und ­liebhaber ist, merkt man an seiner Ant­wort nach «seinem» schönsten Weinbaugebiet in der Schweiz und im Ausland: «Mir gefällt es überall, wo Reben wachsen.» Die Atmosphäre von solchen Regionen scheint eine grosse Anziehungskraft auf ihn zu haben. Auch zu Hause ist es ihm durchaus wohl. Das schmucke Ob­waldner Wohnhaus inmitten des Weinguts Tellen bildet den Dreh­ und Angelpunkt. Neben der Arbeit, die verrichtet wird, erholt sich das Winzerpaar Krummenacher­-Dähler gerne in diesem wunderschönen Haus.

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