Freilichtmuseum Ballenberg.

Willkommen zum Schwingfest. Man hört Alphörner und spürt die besondere Atmosphäre. Mit dem «Festführer» in der Hand geht’s nicht auf die Tribüne, sondern direkt zum Anschwingen. «Bei uns kann man selber in die Hose steigen und spüren, wie es ist, jemanden zu lupfen», erklärt Mirjam Koring, die die neue Sonderausstellung im Freilichtmuseum Ballenberg zum Thema Schwingen konzipiert hat. Als Nicht-Schweizerin musste sie sich erst in dieses urschweizerische Thema einarbeiten. «Ich sass in Berlin und fragte mich: Was macht Schwingen so speziell und wie passt es zum Ballenberg?» Ihre Antwort: Die Hose, die es in keiner anderen Ringkampfart weltweit gibt. Mirjam Koring stellt die «Hose der Bösen» ins Zentrum der Ausstellung und führt das Publikum anhand von Fragen durch sechs Bereiche.

Die stärkste Hose der Schweiz.

Was bleibt, nachdem man die Hose an den Nagel gehängt hat? Diese Frage beantwortet die Stube mit Gaben von Karl Meli, vom wohl «Bösesten» aller Zeiten. Er war von 1956 bis 1978 ein sehr erfolgreicher Schwinger. Einige seiner Rekorde sind bis heute ungebrochen. «2019 erhielten wir Erinnerungsstücke aus dem Nachlass von Karl Meli und nahmen dies zum Anlass, eine Sonderausstellung rund ums Schwingen zu realisieren», erklärt Koring. Apropos Rekorde: Über dem Sägemehlkreis beim Eingang hängt die grösste Schwinghose der Welt. Und was sie zur stärksten Hose der Schweiz oder überhaupt macht, zeigt die Herstellung des Zwilchstoffs. Auch hier darf man, nein soll man, selber aktiv werden und versuchen, den Stoff zu zerreissen: Wer ist stärker? Die Ausstellung thematisiert auch viele weitere Aspekte rund ums Schwingen.

Mit allen Sinnen erleben.

Das Ausprobieren und direkte Erleben mit allen Sinnen zieht sich durch die ganze Ausstellung. Klänge, Videos und Infografiken unterstützen das Erlebnis. «Mir ist es wichtig, einen Zugang über Hand, Herz und Kopf zu ermöglichen und Geschichten über Gegenstände zu erzählen.» Digitale Lösungen nutzt Mirjam Koring bewusst zurückhaltend. «Wenn der Screen spannender ist als der Gegenstand, ist das eine verpasste Chance.» Das unmittelbare Erleben ist mit nichts zu ersetzen. Das gilt auch für Schwingfeste, wie Koring aus eigener Erfahrung weiss: «Ich besuchte zur Inspiration diverse Schwingfeste und war fasziniert von der Ruhe. Ich genoss die Atmosphäre und habe verstanden, was die Leute am Schwingen so lieben.» Koring hat es geschafft, die Kraft und Faszination dieser lebendigen Tradition zu erfassen und vielfältig zugänglich zu machen. Als Schwingerin hätte sie damit einen Kranz auf sicher.

Mirjam Koring.

Mirjam Koring (1979*) ist in Nürtingen bei Stuttgart aufgewachsen und ausgebildete Steinmetzin und Steinbildhauerin. Ihr Studium in Kunstgeschichte, Erziehungswissenschaft und Kulturwissenschaften schloss sie 2013 ab und arbeitete mehrere Jahre im Stadtmuseum Berlin. Seit 2021 lebt Mirjam Koring in der Schweiz und leitet im Freilichtmuseum Ballenberg den Bereich Ausstellung, Vermittlung und Bildung.

Historisches Museum Obwalden

Von den starken «Bösen» zu bösen Geistern. Um sie zu bannen, werden Gegenstände wie Zähne oder geweihte Zeichen in der Hauswand «eingesperrt». Die Stelle ist oft durch ein Haarbüschel, etwa einen Geissbockbart, erkennbar. Und was hilft gegen das Nachtgespenst Toggeli? Aberglaube, Legenden und Mystisches fasziniert bis heute. Das weiss das Historischen Museum Obwalden aus erster Hand. «Für die Neugestaltung unserer Dauerausstellung beziehen wir die Bevölkerung aktiv ein», erklärt Museumsleiterin Pamina Sigrist. «Dank 420 retournierten Fragebogen und einer Zukunftswerkstatt wissen wir, was Menschen in Obwalden interessiert und für ihr Leben relevant ist.»

Sortieren und Bezüge schaffen

Die neue Dauerausstellung wird in Richtung Lebenswelten gehen. «Besucherinnen und Besucher sollen künftig das Gefühl haben, dass ein Objekt einen direkten Bezug zu ihrem Leben hat. Beispielsweise eine historische Kiste mit dem Nötigsten für einen Alpsommer kommt dem heutigen Trend zum Minimalismus sehr nahe. Pamina Sigrist will die Dauerausstellung neu nach Themen wie Gesundheit, Globalisierung und Gemeinschaft sortieren. Die alte Kiste mit einem #Lifehack für einen minimalistischen Lebensstil könnte künftig beim Thema Nachhaltigkeit stehen. 

Im Dialog mit der Gegenwart

So erhalten alte Gegenstände, die uns nichts mehr sagen, eine neue Bedeutung. Dazu gehört auch die Schandgeige: Eine Art Holzfessel für Hals und Hände, mit der man einst «zänkische Weiber» bestrafte. Die Gegenstände der Sammlung sollen immer im Dialog zur Gegenwart stehen: Wie gehen wir in der heutigen Zeit mit Wut um? Werden beispielsweise zornige Politikerinnen gleich wahrgenommen wie ihre männlichen Kollegen? Der Sammelauftrag bleibt, nur die Präsentation der Objekte wird anders, zugänglicher, lebensnaher, digitaler. Das gilt für das ganze Museum, verspricht Sigrist: «Ich will ein offenes, lebendiges Haus schaffen, in dem sich alle wohlfühlen. Unser Museum soll ein Resonanzraum sein, der in den Menschen etwas auslöst. Das geht nur über den Bezug zum eigenen Leben.» Das Potenzial liegt in der einzigartigen Sammlung. Für die aktuelle Sonderausstellung «Hotel Vergissmeinnicht» hat die ehemalige Museumsleiterin Klara Spichtig diese Schatzkammer einmal mehr geöffnet. Künftig werden Trouvaillen so ausgestellt, dass sie eine Brücke zur Gegenwart bilden. Das entspricht ganz der Philosophie von Pamina Sigrist: «Es macht mir Freude in Interaktion mit Menschen zu sein und unsere Sammlung mit ihnen zusammenzubringen. Ich sehe mich als Brückenbauerin.» 2026 soll die neue Dauerausstellung eröffnet werden. Dem Publikum werden sich neue Welten öffnen.

Pamina Sigrist.

Pamina Sigrist (1980*) ist in Obwalden aufgewachsen und studierte in Bern Ethnologie. Sie arbeitete unter anderem zehn Jahre bei der Obwaldner Fachstelle Gesellschaftsfragen. Seit 2021 ist sie Leiterin des Historischen Museums Obwalden. Pamina Sigrist lebt mit ihrer Familie in Sarnen.

Nidwaldner Museum

Wie wir unsere Welt mitgestalten, thematisiert das Nidwaldner Museum. Die Sonderausstellung im Salzmagazin in Stans zeigt die Möglichkeiten und Grenzen unserer Demokratie auf. Eindrücklich erlebbar wird das bereits beim Ausstellungsstart: An einer Landsgemeinde, die es in Nidwalden bis 1996 gab. «Man kann sich auf ein Rednerpult stellen und erahnen, wie es war, vor tausenden Menschen sein Anliegen vorzubringen», erklärt Museumsleiterin Carmen Stirnimann. Die Ausstellung lädt an den meisten Stationen zum Mitmachen ein und verändert sich damit laufend. Besucherinnen und Besucher können beispielsweise vier Abstimmungsfragen beantworten, indem sie Aufkleber bei Ja, Nein oder Weiss nicht platzieren. So auch bei der Frage: Sind Sie für das Stimmrechtsalter 16 Jahre?

Hier dürfen alle mitreden

Die Ausstellung ist lehrreich, unterhaltsam und zeitgemäss. Sie schafft es, das abstrakte Thema Demokratie greifbar zu machen. «Anlass zur Ausstellung gab das Jubiläum 175 Jahre Bundesverfassung», erzählt Carmen Stirnimann auf dem Rundgang. «Wir blicken zurück, analysieren aber vor allem unsere heutige Demokratie und geben dem Publikum eine Stimme.» Die darf man auch am grossen Stammtisch in der Ausstellung erheben. Bierdeckel mit Fragen liefern die Diskussionsgrundlage. Dass unser Leben auch von Schnapsideen geprägt ist, zeigt das eigens für die Ausstellung entwickelte Kartenspiel. Man soll herausfinden, ob etwas Gesetz oder dummes Geschwätz ist. Ein Beispiel: In der Schweiz ist es nicht erlaubt, seine Wäsche am Sonntag draussen aufzuhängen. Der offizielle Grund: Es sieht nicht schön aus. «Damit wollen wir auf amüsante Weise zeigen, was es bedeuten kann, wenn alle mitreden dürfen», erklärt Carmen Stirnimann.

Drei Häuser zum Entdecken

Wie hält es die Museumsleiterin persönlich mit der politischen Teilhabe? «Ich gehe immer abstimmen und wählen, das ist für mich selbstverständlich. Oft bin ich aber knapp dran und werfe das Couvert erst am Abstimmungssonntag ein», gesteht Carmen Stirnimann. Sich aktiv einbringen und die Welt mitgestalten – das prägt auch ihren beruflichen Alltag. Die 43-Jährige engagiert sich mit viel Herzblut für das Museum mit seinen drei Häusern. Neben dem Salzmagazin sind das die Festung Fürigen und das Winkelriedhaus in Stans. Dort kann man seit Ende August die neu konzipierte kunsthistorische Dauerausstellung mit Werken aus der Sammlung entdecken. Der ideale Ort, um sich von politischen Debatten zu erholen.

Carmen Stirnimann.

Carmen Stirnimann (1980*) ist ausgebildete Primarlehrerin und studierte Volkskunde und Ethnologie an der Universität Zürich. Seit 2022 ist sie Leiterin des Nidwaldner Museums. Zuvor war sie fünf Jahre lang als Kuratorin der Sammlung und von Ausstellungen beim Nidwaldner Museum tätig. Carmen Stirnimann lebt mit ihrer Familie in Stans.

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