Vroni und Hans Zumbühl – Staffel, Nidwalden

«Jedes Tier hat seine Eigenheit – wie die Menschen»

In den Gesichtern von Hans und Vroni Zumbühl lässt sich Freude und Leidenschaft ablesen. Im wahrsten Sinne eingebettet in einer Geländemulde zwischen Arvigrat und dem Winterhaltengrat liegt ihre Alp Winterhalten/Staffel auf 1546 m ü. M. So wie sie sich wohlfühlen, scheint auch das Vieh Gefallen an der mit Fichten und Ahorn durchsetzten Landschaft zu finden. «Die Alp ist seit 1893 im Besitz der Familie Odermatt. Als Kind nahm ich mit meinen Geschwistern um 6.30 Uhr morgens den Schulweg unter die Füsse und wir liefen zwei Kilometer über Stock und Stein zur Oberalp. Von dort gings rassig mit dem ‹Älplerseil› runter ins Dörfli Wolfenschiessen.» Die Kommunikationsmittel waren dazumal simpel: Mit einem weissen Tuch vor dem Fenster zeigten die benachbarten Älpler jeweils, wenn die Kinder aufgrund eines Gewitters eben noch dort warteten, bis das «Wetter» vorbei war.

Hans hat mit Vroni einerseits eine Frau mit Herzblut für das Alpleben gefunden, anderseits für sich ein begeisterndes Betätigungsfeld mitten in der Natur. Ausserhalb seiner Alpzeit ist er als Lokführer auf den Schienen der Zentralbahn unterwegs, während den Tagen auf der Alp hält er den Steuerknüppel der Lok circa vier Tage pro Monat im Griff. Die 70 Rinder stammen von verschiedenen Bauern aus dem Luzernerland, aus Zug und Nidwalden. «Morgens gehe ich meinem Vieh nach und mache die Runde.» Mit seiner inzwischen 30-jährigen Erfahrung im Umgang mit den Tieren weiss er bereits beim Anblick aus der Ferne, wie es um seine Herde steht. «Die Rinder benötigen Streicheleinheiten wie wir Menschen; auch ist jedes Tier auf seine Art eigen. Ein kurzes Gespräch mit den einzelnen Tieren ist nicht selten, sie lieben meine Erzählungen.» Bleika, die Sennenhündin, hilft ihm bei seiner Arbeit und treibt in ihrer gemütlichen Art die Rinder vorwärts.

Seit dem Regensommer 2014 findet sie weniger Gefallen am Regenwetter – wie beispielsweise bei unserem Besuch auf der Alp. Da liegt sie lieber in der Hütte bei Vroni in der urtümlichen Küche. Zwischendurch schauen die neugierigen Kühe durchs Küchenfenster und scheinen den Topf mit den Älplermagronen über dem Feuer erblickt zu haben. Kochen über dem Feuer muss im Übrigen einerseits geübt sein, anderseits ist auch Geschicktheit beim Lebensmittelvorrat angesagt: Der Vorratsraum ist gut ausgetäfert, allfällige Löcher gut gestopft und die Lebensmittel teilweise aufgehängt. Denn sind die Älpler nicht vor Ort, tanzen die Mäuse und nehmen all ihre Kräfte zusammen, um auf die eine oder andere Art an ihr Fressen zu gelangen. Während die Nagetiere im Hintergrund rascheln, tischt Vroni schmackhafte Älplermagronen auf. Die eingeritzten Zeichnungen auf dem Tisch erzählen Ereignisse aus der Vergangenheit und inspirieren die Fantasie des Betrachters.

Ihre vier Kinder zwischen 16 und 22 Jahren besuchen sie ab und zu und helfen beim Zäunen der einzelnen Weiden oder beim Unkraut mähen. Ihre «Daschtern» sind jederzeit für sie bereit. So werden im Nidwaldner Dialekt Betten genannt, die fest mit den Zimmerwänden vernagelt sind.

Irene Röthlin, Älplerin und Sigristin auf Tannalp, Obwalden

«Meine Arbeit schenkt mir mehr Energie, als ich investiere»

Tannalp – keine 600 Meter hinter dem Tannensee – ist eine der wenigen Alpsiedlungen mit Dorf-kerncharakter und sogar eigener Kapelle. Hier leben von Anfang Juli bis Ende August 18 Älplerfami-lien mit ihren insgesamt 800 Kühen. Irene Röthlin, die seit über 23 Jahren mit ihrer Familie auf die Tannalp kommt, ist von der Älplergemeinschaft gewählte Sigristin der Kapelle Tannalp «Maria, Köni-gin der Engel». 

«Wenn immer der Frühling Einzug hält, sehne ich den Tag herbei, mit meiner Familie auf unsere Alp zu ziehen», gesteht Irene Röthlin. «Dass ich auf Tannalp dann noch seit zwölf Jahren Sigristin sein darf, ist für mich eine besondere Freude.» Die vierfache Mutter öffnet und schliesst die Kapelle, läutet um 12 Uhr und 20 Uhr die handbetriebene Glocke und bereitet die Messen vor.

Beruf mit den Kindern – ganz einfach einmalig

Ein besonderes Erlebnis ist für Irene Röthlin jeweils das 20-Uhr-Läuten. «Die beinahe 20 Kinder der Älplerfamilien versammeln sich dann vor der Kapelle», erzählt die Älplerin voller Begeisterung. «Und eines von ihnen oder ein Landwirt spricht dann den Kernser Betruf – unseren Alpsegen. Es herrscht eine unglaublich ergreifende Stimmung in absoluter Ruhe.» Nach dem Betruf gehen die Kinder dann wieder spielen, und die Nachtruhe beginnt bald. «Dies sind die Momente, die unser arbeitsreiches Le-ben hier oben beglücken und lohnenswert machen», betont Irene Röthlin.  

Irene Röthlin ist Sigristin aus Berufung. Sie sieht ihre Tätigkeit nicht als Arbeit, sondern als menschli-che Bereicherung. «Die Gespräche mit den Leuten und die Ruhe zu spüren sind sehr wertvoll», ist sie überzeugt. «Für mich ist die Kapelle ein Kraftort, die mir mehr Energie schenkt, als ich investiere.»

Auf der Alp und auf dem Bauernhof

Wenn die Alpzeit beginnt, führt Irene Röthlin ein «Doppelleben». Frühmorgens verlässt sie die Alp mit ihrem Mann und geht auf ihrem Hof in Kerns heuen und den Garten pflegen. Ihre Kinder bleiben meis-tens währenddessen auf der Tannalp und verbringen die Zeit mit anderen «Gschpänlis». «Um 18 Uhr kehren wir wieder auf unsere Alp zurück, machen das Abendessen und erledigen die letzten Arbeiten», so die vielbeschäftigte Älplerin. «Unsere Kühe lieben es, in diesen sieben Wochen Tag und Nacht draussen zu sein.» 

Für Irene Röthlin ist der Aufenthalt auf der Alp ein Privileg. «Was wir hier erleben, kann uns niemand nehmen», meint die Älplerin und Sigristin. «Wir machen jedes Mal einen Schritt zurück, erleben in der Einfachheit eine intensive Zeit, in welcher die Natur uns vorgibt, wie wir Menschen zu funktionieren haben.»

Paul Grossmann – Älpler und Käser auf der Alp Tschingelfeld, Berner Oberland

«Die Natur gibt uns den Rhythmus vor, nicht der Fahrplan»

Oberhalb Axalp beginnt das wunderschöne Quellgebiet des Giessbachtals. Weiter hinten macht das lang gestreckte Tal eine Linkskrümmung. Dem Auge öffnen sich sattgrüne Weiden, Wasserfälle und steile Felswände, die schöner nicht sein könnten. Man wähnt sich in einem kleinen Paradies. Und in-mitten dieser einmaligen Natur auf einer Terrasse: die Alp Tschingelfeld. Hier wohnt Paul Grossmann, der zusammen mit seiner Frau Sibylle und seinem Sohn Simon zwei Alpwirtschaften bewirtschaftet und den grossartigen Tschingelfeld-Käse macht. Alles noch mit reiner Handarbeit.  

Auf der Alp Tschingelfeld gibt es zwei Alpwirtschaften. Während Paul Grossmann im Gebäude des Senntums Ringgenberg Käse herstellt, macht dies seine Frau im Gebäude des Senntums Brienz. Ken-nengelernt haben sich die beiden hier oben auf dem Tschingelfeld. Seither verbringen sie hier jeden Sommer. Von ihren sechs Kindern begleitet sie inzwischen nur noch Simon, welcher den heimischen Hof in Brienz sowie die Alpwirtschaft Schritt für Schritt übernehmen wird. Paul Grossmann: «Wenn ich 65 Jahre alt bin, soll der gesamte Übergabeprozess abgeschlossen sein. So haben wir bereits eine Generationengemeinschaft, durch welche Simon Besitzer von 50% der Kühe ist und laufend immer mehr übernimmt.»

«Lernen, auf die Natur zu schauen»

Paul Grossmann ist bereits als Kind mit seinen Eltern auf die Alp gezogen. «Ja, ich kenne eigentlich nichts anderes», gesteht er. «Ich wünsche mir aber auch kein anderes Leben. Hier bin ich glücklich und habe meine Tiere, eine unglaubliche Naturlandschaft und Ruhe.» Hier oben ist alles entschleunigt. Paul Grossmann kann selber Herr und Meister sein und ohne Stress die harte Arbeit verrichten. «Bei uns lernt man, auf die Natur zu schauen und nicht aufs Datum», betont er. «Hier oben bestimmt die Natur den Rhythmus und nicht der Mensch.» Paul Grossmann ist denn auch überzeugt, dass der Mensch mit einer solchen Lebensausrichtung glücklich sein kann.

5 Tonnen Käse

Auf der Alp Tschingelfeld stellen Paul und Sibylle Grossmann in noch traditioneller Art und Weise ihren Berner Hobelkäse AOP her, welcher erst nach 18-monatiger Reifung in den Verkauf kommt. Beide erwärmen ihr «Chessi» mit Holz und heizen die täglich anfallende Menge von je 450 Litern Milch auf 50 Grad auf. Je nachdem können ihre 60 Kühe, die 20 Bauern gehören, sogar bis 1100 Liter geben. Und 11 Liter Milch ergeben 1 Kilogramm Käse. So entstehen bei den beiden täglich jeweils je 6 Laib bester handgemachter Käse. Kommt Ende September die Alpabfahrt, sind 5 Tonnen Käse oder gegen 600 Laibe entstanden, welche in fünf Hubschrauberflügen ins Tal gebracht werden. Paul Gross-mann: «Die Alpabfahrt und die darauffolgende ‹Chästeilet› ist für uns dann immer die Krönung einer Arbeit, die wir einfach nicht missen möchten.»

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