Franz Röthlin ist ein Mensch, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht und dennoch die «Wörter zwischen den Zeilen» liest. Dieser Mix aus Bodenhaftung und Feinfühligkeit bildet wohl den Erfolgs­faktor seiner Arbeit. «Seine Tiere» führen keinen Outlook-­Kalender. «Das Wild orientiert sich instinktiv am Wetterverlauf, an der Vegetation und an der Tageslänge», so Röthlin. Tierforschungen zeigen, dass beispielsweise die Gämsen die Wetterfronten voraussehen können.

Wie sich das Wild täglich neu zurechtfindet, so hat sich auch Franz Röthlin nach 18 Jahren als Schreiner und Chefexperte neu orientiert. Er ist einer neuen Berufung gefolgt und wid­met sich ihr seit knapp zwei Jahren leidenschaftlich. «Ich konnte mich dem Reiz dieser Herausforderung, als Obwaldner Wildhüter tätig zu sein, nicht entzie­hen. Wer meinen Werdegang, meine Begeisterung und Passion kennt, kann sich vorstellen, wie sehr ich mich über den Vertrauensvorschuss und die Wahl zum Wildhüter in Obwalden freute.»

Sprachrohr der Tiere

Die Verbundenheit und seine profunden Kenntnisse seines Einsatzgebietes sind spürbar. Röthlin, der seit 2002 das Jagd­patent in seiner Tasche trägt, brachte über mehrere Jahre seine Kenntnisse in die Kernser Hegeorganisation ein. Einen wichtigen Schritt bei dieser Tätigkeit bildete die Zusammenarbeit mit seinem Vorgänger Hans Spichtig bei der Auswilderung der ersten Bartgeier auf der Melchsee­Frutt. Dabei gab es im Vorfeld auch kritische Stimmen aus der Jägerschaft. Röthlin, der neben einem guten Gespür für Tiere auch eines für Menschen hat, musste die abgeneigten Jäger mit ins Boot holen. «Auch in meiner jetzigen Tätigkeit suche ich stetig Lösungen zwischen Mensch und Natur, ich bin die Stimme der Tiere und manchmal aus Sicht der Menschen der Wolf im Schafspelz. In Konfliktsituationen kann ich nicht sagen, meine Tiere wollen hier nur fressen. Da braucht es vertiefte Diskussionen, ein Annähern zwischen den Parteien. Den Schlüssel zum Erfolg bilden Präsenz vor Ort und eine gute Kommunikation», so Röthlin.

Während wir übers Bewältigen von Spannungen sprechen, ruft seine Schwiegermutter an und fragt, ob seine Kinder heute zum Mittagessen kommen. Ein funktionierendes Familienumfeld ist in einem solchen Job essenziell. «Ich bin an 7 Tagen während 24 Stunden erreichbar. Wenn beispielsweise das Telefon an Ostern klingelt, ich gerade den Weisswein entkorke, um mit meiner Frau anzustossen, und nun den Auf­trag erhalte, ein verunglücktes Wild zu bergen, ist das für die Familie nicht ideal. Meine Arbeit als Wildhüter muss ins Familiensystem passen. Hätte meine Frau bei meiner Bewer­bung gesagt, das passe nicht für unsere Beziehung, ich hätte es nicht in Erwägung gezogen und gemacht.» Für Röthlin ist es ein Privileg, auf eine solche Unterstützung zählen zu können, damit er seiner Passion nachgehen kann.

Nicht Asche anbeten, sondern Feuer weitergeben

Dass die Weitergabe von Wissen und Erfahrungen beglückend sein kann, weiss Franz Röthlin aus seiner früheren Tätigkeit. Wie dazumal im Schreinerjob ist ihm der Aus­tausch mit der nächsten Generation wichtig. Den Jungjägerinnen und ­jägern etwas auf den Weg mitzugeben, fasziniert ihn. «Du siehst in der Lehrlingsausbildung Jugendliche, die bei der Ausbildung ‹knorzen›, und zehn Jahre später triffst du sie in einer guten Position in der Berufswelt. Solche Entwicklungen freuen mich extrem. Wir müssen das ‹Feuer› weitergeben, pflegen und uns laufend auf dem neusten Stand halten.» In dieser Tätigkeit versucht er, den künftigen Jägern die Verantwortung und die Chance aufzuzeigen. «Sie müssen das ganze Jahr einen seriösen Job machen, sich für die Hege und Pflege der Natur en­gagieren. Eigennutz darf nicht vorder­gründig sein. So erhalten sie den nötigen Respekt und die Anerkennung der breiten Bevölkerung.»

Flora und Fauna

Eine gesunde Flora und Fauna ist das Ziel eines jeden Wildhüters. Gewisse Tiere und Pflanzen sind robuster als andere. «Beispielsweise sind Raufusshühner ausgeprägte Lebensraumspezialisten, sie brauchen ein passendes, ruhiges Habitat. Im Gegensatz dazu kann der Fuchs beinahe überall le­ben, sogar in der Stadt. Diesen wichtigen Lebensräumen müssen wir Sorge tragen.» Zum Schluss meldet sich Franzi mit einem lauten Bellen. Sie, die bis anhin ruhig an der Seite von Franz Röthlin weilte, ist eine passionierte Jagdhündin. Sie ist auf «Schweiss» geprüft und wird unter anderem für die Nachsuche eingesetzt. «Unsere Kinder wollten den Namen der Hündin bestimmen, allerdings hatte der Salzburger Zuchtwart bereits den Namen bestimmt und gemeldet, sodass ein anderer ‹Taufname› nicht mehr möglich war.» So durchforsten nun Franz und Franzi gemeinsam die Natur.

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